Klausurtagung „Medienpraktiken“

Universität Siegen, Arthur-Woll-Haus, Raum A 103 | 11.05.2016
Vorbereitung der Ausgabe „Medienpraktiken“ der Navigationen – Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften 1/2017

Organisation & Herausgeber: Mark Dang-Anh, Simone Pfeifer, Clemens Reisner, Lisa Villioth

Programm

09:30 – 09:45 Einführung der Herausgeber_innen
09:45 – 10:30 Keynote Erhard Schüttpelz: Praktiken und Praxistheorie. Eine terminiologische Übung
10:30 – 10:45 Kaffee-Pause

Digitale Medienpraktiken
10:45 – 11:20 Medienpraktiken der Nähe und Distanz: Soziale Beziehungen und Facebook-Praktiken zwischen Berlin und Dakar, Simone Pfeifer
11:20 – 11:55 Medienpraktiken „on the road“: Online- und Offline-Navigationen im Kontext von Musikpromotion, Anna Lisa Ramella

12:00 – 13:15 Mittagessen

Medienpraktiken der Textproduktion
13:15 – 13:50 Vom Wohnen zum Text. Medienpraktiken der Textproduktion, Cindy Heine
13:50 – 14:25 Unlearning Detached Writing, Philipp Goll
14:30 – 14:45 Kaffee-Pause

Körper und Medienpraktiken
14:45 – 15:20 Die Physis der Medienpraktiken – Körperliches Handeln und leibliches Erleben in
Medienpraktiken von Menschen mit körperlichen Behinderungen, Andreas Henze
15:30 – 16:15 Abschluss-Diskussion

Call for Papers

Klausurtagung und Band „Medienpraktiken“ (1/2017) in der Zeitschrift „Navigationen – Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften“

Im Graduiertenkolleg „Locating Media“ erlangten praxistheoretische und praxeologische Zugänge zur Erforschung von Medien mit einer Hinwendung zum Begriff der Medienpraktiken in den letzten Jahren eine stärkere Fokussierung (Schüttpelz und Gießmann 2015: 9). Im Zuge des ‚practice turn‘ wird die Kategorie der Praktiken fächerübergreifend neu gewürdigt, wobei eine genauere Bestimmung des Verhältnisses von ‚Medium‘, ‚Vermittlung‘ und ‚Praktiken‘ noch aussteht.

Medien, so die grundlegende Annahme, werden vor dem Hintergrund ihrer zentralen Eingebundenheit in alltagspraktische Vollzüge und Operationsketten bestimmbar. Folglich fokussiert eine hieran interessierte Untersuchung orts- und situationsbezogene Medienpraktiken. Dies gilt insbesondere für digitale Medienpraktiken, die erst durch eine Untersuchung in actu und in situ umfänglich untersucht werden können.

Trotz erster Impulse und der Auseinandersetzung in der englischsprachigen Literatur (Postill 2010, Postill und Bräuchler 2010, Couldry 2004) wird der Begriff der Medienpraktiken in der deutschsprachigen Literatur meist nicht definiert und kaum diskutiert oder problematisiert. Die Bandbreite von dem was als ‚Medienpraktiken‘ beschrieben wird, reicht von kooperativen Körperpraktiken (Meyer 2015) bis hin zu Untersuchungen, die Technologien ins Zentrum der Medienpraktiken stellen (z.B.: Hjorth und Hendry 2015, Horst 2006, Wulf et al. 2015).

Medienpraktiken lassen sich also auf verschiedenen Ebenen beobachten und untersuchen.
Drei Fragen scheinen hierfür zentral zu sein:

1. Die simpel erscheinende, aber grundlegend wichtige Frage: In welche Alltagspraktiken sind Medien auf welche Art und Weise einbezogen?

2. Mit welchen Methoden können diese Medienpraktiken erfasst und analysiert werden?

3. Wie werden die Forschung und eigene Medienpraktiken wiederum reflektiert?

Die Grenzen zwischen den drei Ebenen sind fließend. Schon im ersten Bereich kommen die Forschenden ins Spiel, da sie den Bezugsrahmen setzten und festlegen was als Medienpraktiken untersucht wird. Reflektiert man etwa die eigenen Medienpraktiken (siehe 3.), kann dies wiederum zu einer Veränderung und Anpassung der eingangs gestellten Frage nach dem Nutzen der Medien in der Alltagspraxis (siehe 1.) führen. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit einer reflexiven Forschungshaltung.

Ausgehend von den eigenen Forschungsprojekten sollen die Beiträge für den „Navigationen“-Band bzw. die Klausurtagung „Medienpraktiken“ den Fragen nachgehen,
– was innerhalb der eigenen Forschung unter Medienpraktiken verstanden wird und wie das Verhältnis von ‚Medium‘‚ Vermittlung‘ und ‚Praktiken‘ dabei bestimmt wird,
– welche produktive Rolle der Begriff ‚Medienpraktiken‘ für die eigene Forschung spielt,
– wie eigene methodische Medienpraktiken reflektiert werden und
– wie dies auf den Forschungsprozess zurückwirkt.

Folgende Forschungsperspektiven und -bereiche können hierzu adressiert werden:

– das Verhältnis von menschlichen und nicht-menschliche Akteuren und die Verteilung von Handlungsmacht,
– das Verhältnis von ‚Medium‘ und ‚Praktiken‘, z.B.: Welche Möglichkeiten bieten, welche Grenzen setzen die Affordanzen der Medientechniken für ihre Nutzung? Wie werden Medienpraktiken wechselseitig verfertigt, stabilisiert und destabilisisiert?
– das Verhältnis von sozialen Situationen und Medienpraktiken,
– die Historizität der Veränderung von/durch Medienpraktiken, z.B. Verstetigung, Verfestigung, Emergenz oder Vergessen,
– die Indexikalität von Medienpraktiken,
– die Körperlichkeit von Medienpraktiken,
– die Lehr- und Lernbarkeit, Enskillment (Ingold 2011),
– der Maßstabswechsel zwischen lokalen und globalen Ebenen und
– Kritik am Konzept der ‚Medienpraktiken‘, z.B.: Was geht dadurch verloren, was wird verdeckt, was kann nicht erfasst werden?

Mit dem Band soll geklärt werden, wie orts- und situationsbezogene Medienforschung Medienpraktiken theoretisch und methodisch fasst, zu einem empirisch fundierten Verstehen von Medienpraktiken beiträgt und die Medienpraktiken der eigenen Forschung reflektiert.

Zu den Formalia:
Im Frühjahr 2017 erscheint der Band „Medienpraktiken“ in der Zeitschrift „Navigationen – Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften“.
Bitte reicht hierzu eine Skizze Eures geplanten Beitrags (max. 300 Wörter) bis zum 15. März 2016 ein an: reisner@locatingmedia.uni-siegen.de. Auf der Locating Media-Klausurtagung am 11. Mai 2016 wird die Möglichkeit gegeben, die Beiträge für den Navigationen-Band vorzustellen und zu diskutieren. Anschließend können die Beiträge bis zum 31. Juli 2016 überarbeitet werden.

Zeitplan:

• 15. März 2016: Abgabe Beitragsskizzen für Klausurtagung
• 11. Mai 2016: Klausurtagung
• 31. Juli 2016: Einreichung Artikel
• bis 15. Oktober 2016: Begutachtung
• bis 15. Dezember 2016: Überarbeitung und finale Abgabe

Literatur:

Couldry, Nick (2004) Theorising Media as Practice. Social Semiotics 14(2):115–132.
Hjorth, Larissa und Hendry, Natalie (2015) A Snapshot of Social Media: Camera Phone Practices.
Social Media + Society 1(1): 1-3.
Horst, Heather A. (2006) The blessings and burdens of communication: cell phones in Jamaican transnational social fields. Global Networks 6(2):143–159.
Ingold, Tim (2011) Being Alive: Essays on Movement, Knowledge and Description. London & New York: Routledge Chapman & Hall.
Meyer, Christian (2013) Mikroethnographie: Praxis und Leib als Medien der Kultur. In: Cora Bender und Martin Zillinger (Hrsg.), Handbuch der Medienethnographie. 57–76. Berlin: Dietrich Reimer Verlag.
Postill, John (2010) Introduction: Theorizing Media and Practice. In: Birgit Bräuchler und John Postill (Hrsg.), Theorising Media and Practice. 1–34. New York & Oxford: Berghahn Books.
Postill, John und Bräuchler, Birgit (Hrsg.) (2010) Theorising Media and Practice. Berghahn Books.
Schüttpelz, Erhard und Gießmann, Sebastian (2015) Medien der Kooperation: Überlegungen zum Forschungsstand. Navigationen: Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften 15(1):7–55.
Wulf, Volker, Claudia Müller, Volkmar Pipek, David Randall, Markus Rohde und Gunnar Stevens (2015) Practice-Based Computing: Empirically Grounded Conceptualizations Derived from Design Case Studies. In: Volker Wulf, Kjeld Schmidt und David Randall (Hrsg.), Designing Socially Embedded Technologies in the Real-World (Computer Supported Cooperative Work), 111–150. London: Springer London.